Es spricht deshalb für die europäische Union, daß sie vor diesem
Hintergrund 1982handelte: Die CEPT
"Conference of European
Posts and Telegraphs"
bildete
eine
Arbeitsgruppe namens GSM, die einen gemeinsamen
europäischen Standard für Mobilfunksysteme entwickeln sollte.
Wie bei Eurokraten so üblich, dauerte die Findung dieses GSM-Standards ein bißchen
Zeit (8 Jährchen), wurde unterwegs an andere Zuständigkeiten verwiesen (1989
an die ETSI), war dann 1990 bei der Verabschiedung recht umfangreich (ca. 6000
Seiten) und natürlich nicht endgültig (die GSM-Empfehlungen sprechen von
einer "Phase 1", der Nachschlag in Form der "Phase
2"-Empfehlungen kam dann ordnerweise hinterher).
Bereits drei Jahre später hatten sich über 60 Länder für GSM als Standard
entschieden, was eindeutig für die Qualitäten dieses Papiers spricht.
In der Tat hat der Standard die ursprünglichen GSM-Ziele in einer Weise
umgesetzt, die detailliert genug war, um Interoperabilität zwischen Geräten
verschiedener Hersteller und Netzbetreiber zu gewährleisten und dennoch genügend
Flexibilität für zukünftige Entwicklungen zu lassen.
Insbesondere war der verabschiedete Standard klugerweise ein digitaler
Standard, worauf wir später noch ausführlicher zu sprechen kommen werden.
"Das
schöne an Standards ist, daß es so viele von ihnen gibt!"
-- Ein frustrierter Programmierer
Nun
wären die Briten natürlich nicht die Briten gewesen, wenn sie nicht noch im
selben Jahr der Veröffentlichung des GSM-Standards (1990) einen eigenen
Mobilfunkstandard verlangt hätten: Heraus kam der DCS1800-Standard, der sich
vom "normalen" GSM-Standard grob gesehen nur im Frequenzbereich
(1800 MHz anstatt 900 MHz) unterscheidet und sich zwischenzeitlich ebenfalls
großer Beliebtheit erfreut.
Warum
das ganze? Nun, zunächst einmal ist der andere Frequenzbereich
Ausweichposition für Länder, in denen der ursprünglich vorgesehene
GSM-Frequenzbereich im 900 MHz-Band bereits belegt ist. Außerdem ist
absehbar, daß die Kapazität der GSM-Netze im 900 MHz-Bereich nicht
ausreichen wird (neueste Analysen (1996) rechnen allein für die BRD mit
25.000.000 Mobilfunkkunden!):
Durch kleinere Funkzellen benötigt der Mobilfunkbetreiber zwar mehr
Basisstationen, dafür kommen die Handys jedoch mit weniger Sendeleistung aus
und die Kanalfrequenzen lassen sich öfters wiederverwenden, was eine höhere
Kapazität des Telefonnetzes ermöglicht -nicht umsonst haben sich viele
asiatische Länder für diesen Standard entschieden.
In
Deutschland führte dies letztlich dazu, daß zwei zueinander leider (noch)
nicht kompatible Netze entstanden: Das D-Netz und das E-Netz entstanden;
ersteres mit dem ursprünglichen GSM-Frequenzbereich von 900 MHz, letzteres
mit dem DCS1800-Standard im 1800 MHz-Band.
Das
GSM-Netz läßt sich am besten als ein hierarchisch gegliedertes System
verschiedener Netzelemente verstehen: Am unteren Ende stehen zunächst die
Mobiltelefone (MS
für "Mobile Station"), die über Funk mit der nächstgelegenen
Basisstation (BTS
für "Base Tranceiver Station") kommunizieren.
Die
Reichweite solcher Basisstationen liegt nominell bei bis zu 37,8km (GSM)
Radius, fällt in der Praxis jedoch im Mittel deutlich geringer aus (durch
geringere Sendeleistungen, Abschattungen, Reflexionen u.ä., durch das Gelände
bedingte Ursachen, aber auch durchaus gewollt von den Netzbetreibern, da viele
kleine Zellen in Ballungsgebieten mehr Teilnehmer versorgen können, als
wenige große).
Rechnet man sich das einmal aus, so kommt man auf mehrere tausend
Basisstationen (E-Plus spricht bspw. von 6000 BTSen für den E-Netzaufbau in
Deutschland). Zur Lenkung und Kontrolle dieses Datenverkehrs werden die BTSe
nun zunächst gebietsweise zusammengefaßt: Die zugehörigen übergeordneten
Netzelemente heißen denn auch "Base Station Controller" (BSC).
Über Ihnen stehen dann nochmals eine handvoll Mobilvermittlungseinrichtungen,
neudeutsch: "Mobile Switching Centers" (MSC),
über die u.a. auch der Übergang in andere (in- oder ausländische)
Telefonnetze erfolgt:

Wie
man der Skizze entnimmt, trägt jede der Schnittstellen zwischen den einzelnen
Netzelemententypen einen eigenen Namen:
Dabei
ist die genaue physikalische Ausprägung der beiden letztgenannten
Verbindungen von untergeordneter Bedeutung: Je nach Standort kann dies per
Richtfunk, öffentlichen (Telekom-)Mietleitungen oder direkten
Kabelanbindungen erfolgen. Für die Netzbetreiber ist dies (aufgrund der
Mietleitungskosten unserer allseit beliebten Telekom...) sehr wichtig, für
unsere weiteren technischen Betrachtungen dagegen überhaupt nicht.
Betrachtet
man das ganze System aus dem Blickwinkel der logischen
Aufgabenverteilung, so ergibt sich eine Dreiteilung:
Das
Radio-Subsystem (RSS)
Alle
Netzelemente bis hinauf zur Vermittlungsstelle: Handy (MS) + Basisstation
(BTS) + Basisstationkontrolleinheit (BSC). Hier findet sich die eigentliche
"Funktechnik" wieder. Da das Handy (zumindest aus Sicht der
Netzbetreiber) eigentlich nur ein Anhängsel darstellt, spricht man von BSC
und zugehörigen BTSen zusammen oft auch als "Base Station
Subsystem" (BSS).
Das
Network Switching Subsystem (NSS)
Wie
der Name schon andeutet, ist hiermit die Vermittlungstechnik gemeint. Das NSS
umfaßt damit die Netzelemente und Technik ab (und zwischen) der/den MSC. Wie
im Bild oben angedeutet, sind der MSC hierzu einige zusätzliche Datenbanken
zugeordnet (HLR,
VLR, AUC, EIC,...),
auf deren genaue Funktion wir später noch zurückkommen werden.
Das
Operation and Maintenance Subsystem
(OMS)
Dieses
Betriebs- und Wartungssystem ist neben
die oben aufgezählte Netzelementhierarchie gestellt -logisch, denn es müssen
ja alle Netzelemente überwacht werden. Die Überwachungsmaßnahmen selbst
werden durch die "Operation and Maintenance Centers" (OMC)
-typischerweise bei den MSCen angesiedelt- ferngesteuert.
Um
die anfallenden Vermittlungs- und Verwaltungsaufgaben bewältigen zu können,
werden eine Reihe von Datenbanken benötigt. Meist sind sie auf der MSC-Ebene
angesiedelt (was auch Sinn macht, wenn man bedenkt, daß die MSC ja gerade die
Vermittlungsaufgaben wahrnehmen).
Im einzelnen sind dies:
Wie
spielen diese Datenbanken nun zusammen? -Angenommen, ein Handybesitzer
schaltet sein Mobiltelefon ein, um ein Gespräch zu initiieren. Dann meldet
sich das Gerät zunächst mit der aus der SIM-Karte stammenden Teilnehmerdaten
und dem aus dem Gerät ausgelesenen Gerätedaten bei der nächsten
Basisstation an, die die Daten an "sein" MSC weiterleitet.
Diese schickt die Daten weiter an die zuständige MSC, in deren zugeordnetem
HLR die SIM-Karte registriert ist und fordert eine entsprechende
Authentisierung der Daten an. Mit den Daten des AUC und EIR wird dann die
Erlaubnis zur Teilnahme des Users am Mobilnetz überprüft. Anschließend wird
im HLR/VLR die Position und der Status des Teilnehmers als eingebucht
vermerkt.
Bei einem Verbindungswunsch wird anhand der gewählten Rufnummer die zuständige
MSC ermittelt, in deren HLR der Teilnehmer registriert ist. Da dort
gespeichert ist, wo sich der Teilnehmer gerade aufhält (bzw. ob er momentan
überhaupt im Netz erreichbar ist), läßt sich der Anruf nun an das MSC
weiterleiten, in dessen Zuständigkeitsbereich der Teilnehmer momentan ist.
Dieses lenkt über das näheste BSS den Anruf zum Handy des gewünschten
Teilnehmers. Auch dessen Handy muß sich nun zunächst gegenüber dem MSC als
das "richtige" authentisieren. Erst danach kann das eigentliche
Gespräch beginnen.
Wechselt der mobile Teilnehmer während des Gesprächs in den Zuständigkeit
eines anderen BSS, so wird die Verbindung vom nächsten BSS übernommen (Handover).
Unter Umständen wechselt damit auch die zuständige MSC: In dem Fall werden
die HLR/VLR-Daten entsprechend aktualisiert.
Die
Funkschnittstelle (auch: RadioPath oder Um-Schnittstelle) im GSM
unterscheidet zwischen zwei Funkrichtungen: Je nachdem, ob der Funkweg vom
Handy zur Basisstation oder die umgekehrte Richtung gemeint ist, spricht man
von Uplink
bzw. Downlink.
Jeder Funkkanal besteht nunmehr aus einem solchen Uplink- und Downlinkpaar,
wobei der Abstand zwischen Up- und Downlinkfrequenz immer identisch ist (sog. Duplexabstand,
im GSM 45 MHz kHz).
Insgesamt gibt es 124 solcher Funkkanäle, wobei zwischen zwei benachbarten
Kanälen jeweils ein sog. Kanalabstand
von 0.2 MHz eingehalten wird. Der erste Kanal beginnt bei 890.2 MHz (uplink)
bzw. 890.2+45 = 935.2 MHz (downlink), womit sich die einzelnen Frequenzen der
124 Kanäle nun leicht berechnen lassen:
(i
im Bereich [1..124]):

In
DCS1800-Netzen ist dies vom Prinzip her nicht viel anders, nur daß...
(i
im Bereich [1..374])
Die
Übertragung von Gesprächen geschieht also bei beiden Systemen auf mehreren
Frequenzen gleichzeitig -ein simples Frequenzmultiplex-Verfahren mit dem Namen
Frequency
Division Multiple Access,
kurz: FDMA.
Jeder
dieser Frequenzträger wird nun aber noch weiter in 8 sogenannte
"Zeitschlitze" (time
slots)
unterteilt -hierdurch entstehen also acht physikalische Kanäle; das zugehörige
Verfahren, die Frequenzträger entsprechend zu zerschnippeln, nennt sich Time
Division Multiple Access
(TDMA):

Eine
Abfolge von 8 Timeslots heißt auch TDMA-Rahmen
(oder einfach "Frame") und dauert 4,615ms; ein Zeitschlitz somit
4,615/8 = 0,576875ms. Die in diesem Zeitintervall übertragenen Daten
bezeichnet man als Burst,
im GSM sind es 156,25 Bit (1 Bit = 3,692 Mikrosekunden).

Damit
gelangen wir allmählich wieder auf halbwegs festen Computerboden, denn
letztlich sind diese "Bursts" nichts anderes, als Datenblöcke in
einem Computernetz: Bitpakete einer festen Größe mit bestimmten Formaten.
GSM kennt ihrer fünf Arten:
Normal
Burst
Der
eigentliche "Packesel" im Netz: Mit ihm werden die Nutzdaten des
Gesprächs transportiert. 114 der 156.25 Bits sind dabei echte Daten, der Rest
geht für die Verwaltung darauf (fast wie im richtigen Leben...)
Frequenzkorrektur-Burst
Eine
142 Bit lange Datensequenz aus lauter Nullen: Durch die Demodulationsstufen
der Mobilstation gewurstet ergibt dies nämlich ein unmoduliertes Trägersignal
(=Sinus), mit dem sich die Mobilstation abgleichen kann
Synchronisations-Burst
Er
dient zur Zeitsynchronisation des Handys und enthält dazu im wesentlichen
eine lange Trainingssequenz
Access-Burst
Nein,
das ist kein Wutausbruch eines frustrierten MicroSoft-Datenbankprogrammierers,
sondern ein Datenpaket für den wahlfreien Zugriff des Handys.
Dummy-Burst
Ein
Lückenfüller, der dann gesendet wird, wenn keine Nutzdaten zum Senden da
sind
So,
tief durchatmen und gedanklich einen Schritt Abstand gewinnen: Man muß sich
jetzt zunächst einmal klar darüber werden, daß mit diesem Schema bisher nur
der physikalische Aspekt des
Datentransportes beschrieben ist: Man spricht deshalb auch von physikalischen
Kanälen.
Löst man sich von dieser Betrachtungsweise und sieht die Datenübertragung
eher informationsbezogen, so kommt man zu den 11 logischen
Kanälen:
Muß
man die genauen Funktionen dieser logischen Kanäle, deren recht vertracktes
Zusammenspiel und ihre Abbildung auf die darunterliegenden physikalischen Kanäle
kennen? -Nein (höchstens man arbeitet für einen der Systemhersteller, im
GSM-Normungsausschuß oder bewirbt sich für ein Ratequiz a la "Großer
Preis" mit Spezialgebiet GSM-Technik im Fernsehen...)
Wichtiger
ist stattdessen wieder einmal, das Prinzip zu verstehen:
Ein Traffic Channel (TCH) stellt bspw. die Bandbreite zur Verfügung, die benötigt
wird, um ein Gespräch zu übertragen. Momentan entspricht dies (bei einem
Full rate channel) einer Datentransferrate von 13kbps. Entsprechend viele
Timeslots sind dafür irgendwie reserviert worden -Punkt!
Der
GSM-Sprachcodec (="Codierer/Decodierer") stellte technisch eine
absolute Herausforderung dar: Die zur Verfügung stehende Bandbreite für die
Sprachübertragung war recht gering, die Fehleranfälligkeit auf dem Übertragungsweg
"Luft" aber bekannterweise sehr hoch.
Ähnlich
wie im Computerbereich (Stichwort: JPEG- und MPEG-Komprimierung) war deshalb
von Anfang an klar, daß die Sprachübertragung nur verlustbehaftet erfolgen könnte,
d.h.: Die zum Einsatz kommenden Algorithmen müssen irrelevante Sprachanteile
erkennen und weglassen. Aufgrund der unvermeidbaren Bitfehler auf der
Luftschnittstelle sollte der (De-)Komprimierungsalgorithmus aber zusätzlich
auch dann noch ein annehmbares Sprachsignal auf der Empfangsseite erzeugen können,
wenn einzelne Bits verfälscht werden -ja sogar dann, wenn einzelne
Datenpakete komplett ausfallen, denn aufgrund der Echtzeitübertragung hat das
System ja keine Möglichkeit, als verfälscht erkannte Datenpakete neu
anzufordern.
Außerdem
war es schwierig, entsprechende Algorithmen zu bewerten,
denn es gab und gibt keine geeignete Meßmethode, um die vom menschlichen Ohr
wahrgenommene Sprachqualität objektiv
zu bewerten, d.h.: Es waren aufwendige Hörtests nötig.
In
salomonischer Lösung ist der 1987 von der GSM-Gruppe der CEPT gewählte
Algorithmus deshalb auch die Kombination zweier Kandidaten mit drei Verfahren:
,zusammen:
RPE/LTP-LPC
(eine Abkürzung, für die man eigentlich selbst schon eine Abkürzung bräuchte...)
Stattdessen
wird auf der Empfangsseite ein möglichst passendes Hintergrundgeräusch
simuliert (Comfort
Noise (CN)),
damit der Kunde nicht von der "digitalen Stille" irritiert wird...
Wozu
dann überhaupt DTX? Nun, (zumindest zivilisierte) Menschen lassen einander
aussprechen, d.h.: Bei einem normalen Gespräch werden allein dadurch schon
ca. 50% der (Duplex-)Bandbreite einer Verbindung nicht ausgenutzt.
Rechnet man die Sprachpausen zwischen den einzelnen Wörtern und Sätzen mit,
so liegt die theoretisch einsparbare Netzkapazität bei ca. 60% (!)
Da die VAD im Zweifel zugunsten einer Datenübertragung entscheiden muß und
die Erkennung einer "Sprachpause" gelinde gesagt sauschwer ist,
liegt das tatsächliche Einsparungspotential in der Praxis nicht ganz so hoch,
beträgt aber immerhin noch ca. 35..45%.
Ähnliches gilt natürlich auch für den Energieverbrauch des Handys (es
sendet in der Zeit ja nicht), allerdings geht ein Teil der hier eingesparten
Energie wieder für den zusätzlichen Berechnungsaufwand für die
Sprachpausenerkennung drauf.
Vorrangiges
Ziel der Sprachcodierung war somit, auf der Empfangsseite eine subjektiv
bestmögliche Reproduktion des Sprachsignals zu erreichen -was eben nicht
unbedingt gleichbedeutend zu "möglichst bitgenaue
Wiedergabe" sein muß: Darum wird in GSM-Netzen auch pingelig zwischen
der Übertragung von Sprache und Daten (FAX, Email, etc.) unterschieden!

Wie
man dem Schaubild entnimmt, wird die Sprache zunächst digitalisiert. Nach dem
auch hier gültigen Abtasttheorem muß die Abtastfrequenz mind. das zweifache
der Signalbandbreite betragen; da die wichtigsten Sprachanteile der
menschlichen Stimme in einem Bereich von knapp 4kHz liegen, wurde eine
Abtastrate von 8000 Hz gewählt (zum Vergleich: Das normale Telefonnetz der
Telekom überträgt nur den Frequenzbereich von 300..3400Hz).
Die Auflösung eines jeden solchen Abtastpunktes beträgt in der Regel 8 Bit
(pseudologarithmische Quantisierung via A-Law gemäß CCITT G.711), manchmal
aber auch 13 Bit (lineare Umsetzung, Zweierkomplement-codiert).
Jedenfalls ist der sich daraus ergebende Datenstrom von 8000*8 bzw. 8000*13
Bits pro Sekunde viel zu hoch.
Wie
macht man das? Eine alte Regel aller datenquetschenden Informatiker lautet: Je
mehr Du über Deine Daten weißt, desto besser kannst Du Sie komprimieren!
Ein Beispiel: Angenommen, man wüßte, daß nur Klaviermusik übertragen würde.
Dann genügte es, auf beiden Seiten ein Klavier (in Handyformat?...)
vorzusehen; ein Algorithmus müßte dann "nur" (ähem...) die Noten
und deren Spielweise senderseitig erkennen.
Auf der Leitung würde dann nicht die Musik selbst übertragen, sondern nur
noch abstraktere Information, wie "spiele einen Dominant-Sept-Akkord in
c-moll" und einige zusätzliche Parameter ("andante",
"3/4-Takt" und all die anderen Scheußlichkeiten, mit denen man uns
seinerzeit im Musikunterricht getriezt hat...).
Nach
einem ähnlichen Prinzip funktioniert das GSM-Verfahren auch, nur wird hier
eben nicht Klaviermusik, sondern menschliche Sprache übertragen. Das heißt:
Ein Modell der Erzeugung menschlicher Sprache muß her! Die dafür verwendeten
Modelle zerlegen die Sprache nahezu alle nach dem gleichen Muster:

Die
erste Stufe bestimmt nun einen bestmöglichen Filterparametersatz, wobei zwar
auch Sprachinformationen benachbarter Sprachblöcke mitwirken, aber nur sehr
begrenzt ("Gedächtnis" nur ca. 1ms). Der Schwerpunkt liegt bei der
LPC-Stufe darin, die "Grobstruktur" des Signals zu übertragen und
damit das zu übertragende Amplitudenspektrum schon einmal kräftig zu
bereinigen.
Das
an die LTP-Stufe übergebene Signal wird nun ähnlich gefiltert, allerdings
berücksichtigt dieses "Langzeit-Prädiktions-Filter" (20ms sind nun
mal computerseitig betrachtet "lange"...) dabei hauptsächlich längerdauernde
statistische Abhängigkeiten der menschlichen Sprache (Silben, Lautbildung)
und kann dadurch in der menschlichen Stimme auftretende periodische
Signalanteile effektiv erfassen.
Auch diese gewonnenen Parameter werden übertragen, das damit empfängerseitig
generierbare Näherungssignal vom Ursprungssignal abgezogen und der RPE-Stufe
übergeben.
Dieses
Restsignal hat nun bereits eine deutlich reduzierte Dynamik (d.h.: Das
Amplitudenspektrum ist sehr flach, periodische Anteile nur noch gering ausgeprägt).
Anders gesagt bedeutet dies, daß die "wichtigsten" Sprachanteile
schon durch die vorherigen Stufen erfaßt wurden. Die RPE-Stufe darf deshalb
nun etwas weniger zimperlich sein und eine verlustbehaftete Codierung durch
das Weglassen subjektiv irrelevanter Sprachinformation des Restsignals durchführen.
Aufgrund
der geringen Dynamik des Restsignals erlaubt sich die Stufe zunächst eine
Tiefpaßfilterung und anschließende Neuabtastung des Signals mit nur noch
1.3kHz (ca. 1/3 der ursprünglichen Abtastrate).
Genaugenommen zerlegt der Algorithmus das Signal in drei Signalfolgen (eine,
welche den 1.,4.,7.,10.,.. Wert enthält, eine den 2.,5.,8.,11.,.. und einen
den 3.,6.,9.,12.,..; die am besten "passende" dieser drei Folgen
wird dann als Restsignal verwendet).
Im
zweiten Schritt wird das übriggebliebene Restsignal in einem sog. "Kurzzeit-Prädiktions-Filter"
auf statistische Abhängigkeiten benachbarter Abtastwerte untersucht und
wieder daraufhin optimierte Parametersätze berechnet.
o
Umordnen:
Die Daten werden gemäß ihrer Wichtigkeit in 3 Klassen aufgeteilt:
50
sehr wichtige Bits + 132 wichtige Bits + 78 weniger wichtige Bits

Der
verwendete Faltungscodierer ist dabei ein relativ einfach aufgebauter
Baustein:

Dieses
Verfahren erlaubt im Mittel immerhin die Korrektur von ~25% aller Übertragungsfehler.
o
Bit-Interleaving:
Das Bit-Interleaving ("Verspreizung") verteilt die 456 Bits eines
Sprachblocks über 8 Datenpakete, um Fehler über die Zeit (=mehrere Rahmen)
zu streuen. Zusätzlich werden ursprünglich benachbarte Bits möglichst weit
über die 8 Datenpakete verstreut, um somit auch die Zerstörung benachbarter
Bits zu vermindern.
(Für die GSM-Datendienste wird das Verfahren noch weiter getrieben: Hier
werden die Bits auf bis zu 19 Pakete verteilt; das ist bei den Sprachdiensten
jedoch nicht möglich, denn das empfängerseitige Zusammenklauben der
verteilten Informationen bedeutet längere Wartezeiten, bis der Datenblock
vorliegt und die so resultierende Verzögerung wäre für interaktive Sprache
zu lang -wer schon mal über Satellit telefoniert hat, kennt den Effekt).
Betrachtet
man das Handy als Black-Box (und das dürften die meisten normalerweise
tun...), dann bleibt letztlich ein Datenstrom von 156.25 Bit alle 0.577 ms
(=270833bps), der an irgendeinem Chip-Ausgang herauspurzelt und per Funk übertragen
werden muß. Nun sind dies aber zunächst digitale Daten, die auf einem
(200kHz breitem) analogen Frequenzkanal irgendwie
gesendet werden müssen.
Für
das "irgendwie" muß nun doch wieder die gute alte Analogtechnik
herhalten: Man nehme eine analoge Grundfrequenz ("Träger") und
packe durch gezielte Änderungen der Frequenz, der Lautstärke oder der Phase
des Signals die Informationen auf diesen Träger. Dieses Verfahren namens Modulation
ist von seinem Grundprinzip her eigentlich ein uralter Hut allerdings hat die
im GSM verwendete Variante namens Gaussian
Minimum Shift Keying (GMSK)
einige Finessen.
GMSK
erlaubt es, den GSM-Datenstrom von 270833bps über einen Kanal von 200kHz
Bandbreite zu übertragen. Der Knackpunkt bei der Datenübertragung ist, daß
ein typisches Digitalsignal (0->1 oder 1->0) eigentlich senkrechte,
d.h.: mathematisch unendlich steile
Signalflanken fordert. Das dies in der Praxis Probleme bereitet, wird schon
intuitiv klar: Kein real existierendes System kann "unendlich
schnell" Zustandsübergänge bewerkstelligen. Ohne groß in die
Mathematik der Fouriertransformationen einsteigen zu wollen, besteht
mathematisch ein Zusammenhang zwischen der Bandbreite, die zur ordentlichen
D/A-Wandlung eines Signals erforderlich ist und der Steilheit seiner
Signalflanken. Aus diesem Grund wird das Rechtecksignal absichtlich
"verschliffen" (Wen's interessiert: Dazu wird die Signalfunktion
mathematisch gesehen mit der Gaußfunktion gefaltet, was einer Tiefpaßfilterung
entspricht; die Übertragungsfunktion lautet
T(f)=e(-ln2/(2*B2) * f2), wobei B die 3dB-Bandbreite des Gaußtiefpasses
darstellt; der GSM-Standard empfiehlt dabei Bandbreite*Bitrate=0.3).

(Dabei
repräsentiert t/T
die Zeit in Symboldauern).
Durch
diese "Breite" der einzelnen Bits kommt es zu Signalüberlagerungen
benachbarter Bitwerte. Außerdem streuen auch noch Störungen auf der
Funkstrecke ein, so daß es auf Empfangsseite zu komplexen Signalmustern
kommt, die erst wieder aufgelöst werden müssen.
Aus
diesem eintreffenden Signalmix versucht der sog. Viterbialgorithmus nun,
diejenige Datenfolge herauszuinterpretieren, die für den empfangenen
Signalverlauf am wahrscheinlichsten ist -Keine leichte Aufgabe, denn da die
Nutzdaten eines Bursts aus zwei 57 Bitblöcken besteht, gibt es immerhin 2^114
mögliche Kombinationen. Durch geschickte Analyse des Signalabbilds der (bekannten,
da immer gleichen!) Trainingssequenz in den Bursts können jedoch Rückschlüsse
auf die Art der Signalverfälschungen gezogen und die (unbekannten)
Nutzdatenbits leichter gefunden werden. (Wieder etwas für die Freaks: Der
Suchraum reduziert sich auf die Breite der Impulsantwort, bei 5 Bits also auf
2^5 Suchpfade).
Hinzukommt
aber auch noch ein zweiter Punkt, den die Informatiker in Ihrem Fachchinesisch
"Authentisierung" nennen: Dies beschreibt die Maßnahmen, die nötig
sind, um sicherzustellen, daß derjenige, welcher ein Gespräch führt, auch
wirklich der ist, der er zu sein vorgibt. (Derjenige, der behauptet, den
letzten Schachtelsatz, der vor diesem Satz, der in dem Abschnitt der Datei,
die Sie hier lesen, die über GSM-Sicherheitstechnik Auskunft gibt, vorkommt,
steht, verstanden zu haben, zeigt, daß er deutsch kann... -so, ist der Stapel
im Gehirn jetzt leer gepopt?).
Hierzu
werden mehrere Mechanismen eingesetzt, die in recht komplizierter Weise
miteinander zusammenarbeiten müssen. Das ganze System bedient sich dazu
verschiedener Kryptographie-Algorithmen und elektronischer Schlüssel (also
letztlich Nummern).
Da
ist zunächst einmal die internationale Mobilteilnehmerkennung IMSI
("International Mobile Subscriber Identity"), eine bis zu 15 Ziffern
lange Nummer, die vom Netzbetreiber der SIM-Karte fest zugeordnet wurde.
Genaugenommen besteht sie aus einem Ländercodeteil, einer Netz- und einer
Teilnehmerkennung, aber da Sie die Zahl eh niemals sehen werden, ist dies gar
nicht weiter wichtig. Wichtig ist nur, daß die IMSI durch dieses Verfahren
weltweit eindeutig ist und sozusagen Ihre internationale Erkennungsmarke
darstellt. Eine Kopie davon existiert auch im HLR/VLR-Register bzw. im AUC.
Dann
wäre da noch die Mobilgerätekennung IMEI ("International Mobile-Station
Equipment Number") zu nennen, sozusagen das Gegenstück der IMSI, aber
diesmal für das Gerät. (An dieser Stelle sieht man übrigens wieder sehr schön
die GSM-typische Trennung zwischen Teilnehmer einerseits und dem von ihm
verwendeten Gerät andererseits).
Und schließlich gibt es noch den "Individual Subscriber Authentication
Key" Ki, ein bis zu 128 Bit langer, geheimer Schlüssel, der von der IMSI
abhängt und wie diese nur im SIM und AUC.
Um
das ganze noch ein Stückchen komplizierter zu machen, arbeiten Handy und MSC
als konkrete Kommunikationspartner übrigens gar nicht auf der Basis der
IMSI-Daten, sondern auf der sogenanten TMSI ("Temporary Mobile Subscriber
Identity"), einer vom VLR generierten Teilnehmernummer mit ziemlich
kurzem "Verfallsdatum", die z.T. noch während eines Gesprächs
ausgewechselt werden kann.
Weiterhin muß die ganze oben beschriebene Authentisierungsprozedur in weniger
als 0,5s abgeschlossen sein.
Während
dieses Authentisierungsprozesses arbeitet noch eine andere Funktion, A8
genannt, nach demselben Schema: Ihr Ergebnis A8(RAND), ein 64 Bitwert, wird
jedoch nicht über das Netz übertragen, sondern dient als sog. "Ciphering
Key" Kc für die nun einsetzende Verschlüsselung aller Nutzdaten des
Gesprächs.
Die
Verschlüsselung der Nutzdaten erfolgt mit dem sog. A5 Algorithmus. Im
Gegensatz zu den anderen Funktionen A3 und A8 ist er jedoch für alle
GSM-Netze standardisiert.